Montag, 1. Mai
Eigentlich sollte es seit gestern Nachmittag regnen. Aber bis jetzt ist, jedenfalls bei uns, noch kein Tropfen vom Himmel gefallen. Der Himmel ist bewölkt, aber es ist freundlich.
Uns solls recht sein.
Wir wollen heute weiter nach Gjirokaster, eine Stadt rund 35 Kilometer weiter südlich. Weil die Wetterprognosen für die nächsten Tage beharrlich weiterhin Regen androhen, wollen wir drei oder vier Tage bleiben. Natürlich hoffen wir trotzdem auf trockenes Wetter, so dass wir die Gegend trockenen Hauptes erkunden können.
Am Busbahnhof werden wir von einem jungen Mann angesprochen. Ob wir nach Sarande wollen, will er wissen. Der Bus warte schon und fahre gleich ab.
Nein, Gjirokaster, antworten wir.
Der nächste Bus fahre erst um vier, weil heute der 1. Mai sei. Aber er würde uns fahren, in seinem eigenen Auto. Für 15 Euro – 7.50 pro Person.
Wir beratschlagen und beschliessen, das Angebot anzunehmen.
Reto hat ihn offensichtlich falsch verstanden und meint, es koste 15 Euro pro Person. Er gibt dem Mann 30 Euro – der zuckt mit keiner Wimper und steckt das Geld ein…
Eigentlich hat er recht. Im Moment läuft nicht viel, und er wird das Geld gebrauchen können.
Auf der Fahrt erzählt er uns von Tepelenë, von Gjirokaster, er zeigt uns die vielen Wasserstellen am Strassenrand. Offensichtlich ist die Gegend berühmt für ihr gutes Wasser, und an jeder Wasserstelle steht eine Traube von Leuten, die ihre Wasserbehälter auffüllen.
Der junge Mann sagt sinngemäss auch, dass in Albanien zu Zeiten des Kommunismus alles besser gewesen sei. Die Leute seien sicher gewesen, sie hätten genug zu essen gehabt, die Kriminalität sei tief gewesen.
Nach der Öffnung sei es richtig gefährlich geworden in Albanien, viel Korruption, Kriminalität, und den Leuten sei es schlecht gegangen.
Edi Rama aber rühmt er. „He is working hard“, er bekämpfe die Korruption, sorge für gute Strassen und wirtschaftlichen Aufschwung.
In Gjirokaster angekommen, suchen wir erst mal eine Bleibe. Auf dem Weg zur Altstadt werden wir alle paar Meter angesprochen. Ein Kellner will unsere Rucksäcke hüten, währenddem wir die Stadt erkunden, ein älterer Mann warnt uns vor den „schlechten“ Früchten, die am Strassenrand angeboten werden („only supermarket food is good“).
Am Rand der Old Town finden wir ein Zimmer im Guesthouse Bake, bei einer jungen Familie. Das Zimmer ist im Untergeschoss, etwas dunkel, aber wir haben draussen eine Terrasse für uns. Also ganz gemütlich.

Nebst dem Badezimmer haben wir sogar eine Art Mini-Küche, allerdings ohne Kochgelegenheit, und ohne Kühlschrank 😅
Es regnet immer noch nicht. Das wollen wir ausnützen und starten gleich zu einer Erkundungstour, alles bergauf, zur Stadt hinaus. Kaum haben wir die Stadtmauern hinter uns gelassen, finden wir uns in einer atemberaubend schönen Landschaft wieder. Und seltsamerweise hat man auch sofort das Gefühl, mitten in der Wildnis und fern jeglicher Zivilisation zu sein.


und dort, in dieser wunderbaren Natur, steht die Ali-Pasha-Brücke.
Moment – das hatten wir doch schon. Sind wir nicht vorgestern über die Ali-Pasha-Brücke nach Tepelenë gehumpelt?
Tatsächlich, die Brücke über die Vjosa in Tepelenë heisst so, und das Bauwerk über Gjirokaster ebenfalls. Nur war letzteres ursprünglich nicht als Brücke gedacht gewesen, sondern als Aquaedukt. Die Wasserleitung speiste scheints vor gut 200 Jahren die Burg von Gjirokaster.
Heute ist sie einfach ein herziges 30 Meter hohes Brüggli ohne Geländer, aber breit genug, dass auch ich mich locker darübergetraue.

auf dem Rückweg, an Ziegen, Schafen und Pferden vorbei, kreuzt eine recht grosse Schlange unseren Weg, aber es geht leider viel zu schnell, wir können sie nicht genauer anschauen.
Wieder in der Stadt, kommen wir an einem Tunnel vorbei, der natürlich unsere Neugier weckt. Die ersten paar Meter erkennen wir nichts – es ist stockdunkel. Doch dann, nach einer leichten Kurve, erhellt eine trübe Funzel den Gang. Und weiter vorne wieder eine. So tasten wir uns langsam vor, der Tunnel führt offenbar unter der Burg hindurch.
Da ertönt plötzlich lautes Motorengeräusch. Kommt uns ein Auto entgegen? Bitte nicht – der Tunnel hat nur knapp die Breite eines Autos, wenn da einer daherkommt, werden wir bestimmt zerquetscht! Der Motorenlärm wird rasch lauter, voller Panik suche ich nach einer Nische in der Wand… nichts.
Da ebbt der Lärm wieder ab. Puh! Offenbar ist beim Ausgang ein Auto vorbeigefahren, und der Schall hat sich im Tunnel ausgebreitet und verstärkt.
Ich muss zugeben, ich bin froh, als wir heil am anderen Ende wieder herauskommen. Und: Auf dem Weg zu unserem Guesthouse wars eine massive Abkürzung.

glücklich zurück beim Guesthouse